Adeline Blanchard ist seit 2019 Leiterin für Bildende Kunst am Institut français Paris. Sie hat einen Masterabschluss (2. Level) in Ästhetik und Kunstwissenschaften der Universität Paris 1 Sorbonne (Fachgebiet zeitgenössische Kunst) sowie einen Masterabschluss (1. Level) in Kunstgeschichte der Universität Wien (Österreich). Seit 2000 ist sie für die Koordinierung von Ateliers renommierter Künstler verantwortlich: Valie Export in Wien, dann Wolfgang Tillmans in London, Lucy & Jorge Orta und später Jochen Gerz in Paris.
2001 unterstützt sie zwei Jahre lang die Kurator:innen bei der Vorbereitung der Retrospektive der Künstlerin Valie Export in der Akademie der Künste Berlin. In Wien arbeitet sie zunächst in der Galerie Meyer Kainer und widmet sich anschließend der Koordinierung von Ausstellungen für Institutionen wie der Generali Foundation (Ausstellung Gustav Metzger), dem mumok - Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (Umgestaltung der Sammlungen) und der Kunsthalle Krems. Im Palais de Tokyo koordiniert sie die Produktion für die Ausstellung von Christoph Büchel und wirkt an der Vorbereitung der Ausstellung des Künstlers Jeremy Deller mit, die anschließend auch in New York, Wien und London gezeigt wird. Von 2009 bis 2015 kehrt sie als Beauftragte für Bildende Kunst an das Institut français Paris zurück. Sie war von 2015 bis 2019 Leiterin des Büros für Bildende Kunst des Institut français Deutschland und hat sich bereit erklärt, anlässlich des 30-jährigen Bestehens des Büros auf ihre Erfahrungen in Berlin zurückzublicken.
Von 2015 bis 2019 waren Sie die Leiterin des Büros für Bildende Kunst (ehemals BDAP). Was können Sie uns über diese Zeit erzählen?
Als ich 2015 nach Berlin zurückkehrte, war ich begeistert, wieder in dieser lebendigen Stadt zu sein, die ich liebe und in der so viele internationale Künstler:innen beheimatet sind. Ich hatte bereits einige Jahre zuvor hier gelebt und für die NGBK (Neue Gesellschaft für Bildende Kunst) an einer Einzelausstellung von Valie Export in der Akademie der Künste mitgearbeitet. In Berlin traf ich auch zum ersten Mal Wolfgang Tillmans, dessen Studio Managerin ich später in London wurde. Ich war fasziniert davon, wie viele Künstler:innen hier leben, obwohl Berlin nicht gerade die typischste deutsche Stadt ist. Die Artist in Residence-Programme, wie DAAD Artists-in-Berlin,
zogen zahlreiche internationale Künstler:innen nach Berlin, vor allem aus der französischen Kunstszene: Bernard Frize, Kapwani Kiwanga, Saâdane Afif, Valérie Favre, Kader Attia, Nadira Husain, Anri Sala, Cyprien Gaillard, Gaëlle Choisne, Jean-Pascal Flavien, Julian Charrière oder auch Arash Nassiri. Bei der Unterstützung von Ausstellungsprojekten französischer Künstler:innen im ganzen Land war ich von der Qualität der verschiedenen Institutionen (KW, MuseumMMK für Moderne Kunst Frankfurt, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K20 und K21 in Düsseldorf, Kunstverein in Hamburg, Haus der Kunst München, GfzK Leipzig - Galerie für Zeitgenössische Kunst, Hamburger Bahnhof, etc.), dem umfassenden Netzwerk an Kunstvereinen, diesen ursprünglich von Bürger:innen und privaten Stiftungen (Langen, Julia Stoschek, Boros, etc.) gegründeten Initiativen, und der großen Anzahl an Galerien in Berlin, Düsseldorf und Köln überwältigt. Zudem begeistert Deutschland durch eine Vielzahl an wichtigen internationalen Veranstaltungen, wie die documenta, die Berlin Biennale und Skulptur Projekte Münster.
2016 habe ich gemeinsam mit Thibaut de Ruyter zum 20-jährigen Bestehen des Büros für Bildende Kunst eine Jubiläumspublikation veröffentlicht, in der über 100 Künstler:innen der französischen Szene gewürdigt wurden, die an über 200 Orten in Deutschland Unterstützung fanden! 20 Vertreter:innen der deutschen Kunstwelt (Kunstkritiker:innen, Kurator:innen, Leiter:innen von Kunsteinrichtungen, Galerist:innen und sogar Sammler:innen) bekamen so die Möglichkeit, ihre Sichtweise auf französische oder in Frankreich lebende Künstler:innen vorzustellen.
Welche vom Büro für Bildende Kunst unterstützten Kunstprojekte sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Ich habe die Anfangsphase des Fonds PERSPEKTIVE miterlebt und die Feierlichkeiten zu 100 Jahre Bauhaus mit einer Wanderausstellung am Institut français Berlin und in anderen deutschen Städten begleitet, die von Marjolaine Lévy kuratiert wurde. Ich fand die von Kader Attia kuratierte Berlin Biennale mit zahlreichen Künstler:innen der französischen Szene und die documenta 14, in Kassel und Athen, unter der Leitung von Adam Szymczyk, mit Pierre Bal-Blanc, Saodat Ismailova, Marie Cool, Fabio Balducci, Bouchra Khalili, u.v.a. sehr spannend.
Die für mich beeindruckendsten Ausstellungen waren die von Laure Prouvost am MMK, von Pierre Huyghe im Sprengel Museum Hannover, von Dominique Gonzalez-Forster in Leipzig und von Lily Reynaud Dewar in Hamburg. Die Konferenz von Hala Wardé in der Französischen Botschaft über die Architektur des Louvre Abu Dhabi zählt für mich ebenfalls zu den Höhepunkten.
Eines der letzten großen Projekte, die ich begleitet habe, war die Präsentation von über 200 Künstlerinnen im französischen Pavillon bei der Ausstellung „NORDART“, kuratiert von Jérôme Cotinet-Alphaize und Marianne Derrien, in Büdelsdorf, in der Nähe von Hamburg.
Wie hat sich Ihrer Meinung nach die französische Kunstszene in Deutschland in den letzten zehn Jahren verändert?
Viele Künstler:innen sind aufgrund der Inflation und der gestiegenen Immobilienpreise nach Frankreich zurückgekehrt. Berlin war früher ein Paradies für günstiges Wohnen, das zahlreiche Künstler:innen angezogen hat. Aber der Trend hat sich ins Gegenteil verkehrt, vor allem nach Corona. Mathieu Mercier, Damien Deroubaix, Pauline Curnier-Jardin, Marie Voignier, und kürzlich Adrien Missika haben Berlin deshalb nach so vielen Jahren verlassen.
Sie haben die französische Kunstszene von Deutschland, bis 2019 von Berlin, und anschließend von Paris aus, stets durch „die Augen“ des Institut français betrachtet. Welche Rolle kommt heute einer Schnittstelle wie dem Büro für Bildende Kunst innerhalb einer internationalen Institution wie dem Institut français zu und welchen Herausforderungen muss diese für ihren Fortbestand begegnen?
Das Institut français und das französische Außenministerium können sich glücklich schätzen, weltweit über vier auf Bildende Kunst spezialisierte Büros in Märkten zu verfügen, die für unsere Kultur- und Kreativwirtschaft besonders vielversprechend sind: Berlin, New York, London und Peking. Es sind hochspezialisierte Büros zur Beobachtung und Förderung der Bildenden Kunst, die über ein engagiertes Expertenteam und ein aufgestocktes Budget verfügen. Sie sind einzigartig und unverzichtbar, um relevante Maßnahmen der Zusammenarbeit, des Dialogs und der Verbreitung französischer Kunst im Ausland umzusetzen.
© Laurent Le Deunff