AUGUST 2026, FRAGMENT#5: CLAIRE FONTAINE
Claire Fontaine ist eine Gruppe feministischer Konzeptkünstler:innen, die 2004 von Fulvia Carnevale und James Thornhill in Paris gegründet wurde. Seit 2017 ist sie in Palermo angesiedelt. Ihr Name leitet sich ab von Duchamps ikonischem Ready-made, dem Urinal mit dem Titel Fountain, und von einer bekannten französischen Schulheftmarke (Clairefontaine). Claire Fontaine definiert einen Raum, in dem die Biografien der Künstler:innen nicht direkt mit ihren Werken verbunden sind, sodass ihre Studien zu einem Raum der Freiheit und Entsubjektivierung werden können. Die Nutzung von Aneignung und Unterschlagung in Claire Fontaines Werk lässt sich auf dieselbe Absicht zurückführen: Nicht der herausragende Charakter der unverwechselbaren Eigenart des:der Künstlers:in soll hervorgehoben, sondern die Formen und Stärken der visuellen Kultur aktiviert und ihr politischer Gehalt betont werden. In ihrer Arbeit vermischt Claire Fontaine Videokunst, Bildhauerei, Malerei und Schreibkunst.
Quelle: Claire Fontaine | Artistes | Mennour
Claire Fontaine wurde in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach vom Büro für Bildende Kunst (BAV) gefördert. Erstmals 2008 anlässlich der Gruppenausstellung „The Great Transformation“ im Frankfurter Kunstverein, an der unter anderem der Künstler Aurélien Froment beteiligt war, und anschließend im gleichen Jahr für ihre Mitwirkung an den Ausstellungen „Prêt-À-Porter“ im Kasseler Kunstverein und „Die Wahrnehmung von Ideen führt zu neuen Ideen“ im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf. Im Jahr darauf bekräftigte das BAV seine Unterstützung der Gruppe im Rahmen der Gruppenausstellung „Rip It Up And Start Again“ im Kunstverein München, ebenso wie im Jahr 2011 für die bedeutende Ausstellung „My Paris – Collection Antoine de Galbert“ im me Collectors Room Berlin, wo ihre Werke neben zahlreichen anderen Künstler:innen der französischen Kunstszene gezeigt wurden. Es folgten 2013 die Gruppenausstellung „Farbe bekennen“ im Marta Herford unter Beteiligung des Künstlers Thomas Hirschhorn und 2016 die Ausstellung „House of Commons“ im Portikus Frankfurt mit den Künstler:innen Yto Barrada, Mohamed Bourouissa und anderen, die die Künstler:innen von Claire Fontaine besonders geprägt hat. 2017 förderte das BAV Claire Fontaines große Einzelausstellung „The Crack-Up“ im Neuen Berliner Kunstverein, ehe es zuletzt 2026 durch seine Unterstützung der dezentralen Ausstellung „If words are to be sounded“ (GAK Bremen, CAP – Centre d’art de Saint-Fons und Le 19, Crac in Montbéliard) erneut seine Verbundenheit mit der Gruppe unter Beweis stellte.
Eure Arbeit nimmt Anleihen bei den Codes der Konzeptkunst, der Werbesprache, des politischen Slogans und auch des Ready-made. Wie würdet ihr jemandem, der Claire Fontaine heute erst entdeckt, das beschreiben, was eure Praxis seit ihren Anfängen auszeichnet?
Natürlich ist es nicht möglich, nur den einen Schlüssel zum Verständnis unserer Arbeit anzuführen, aber wir können mit Gewissheit sagen, dass diese eng mit Abwesenheit und Verschwinden verbunden ist. Oft sagen wir, dass unsere Werke für das Volk gemacht sind, das fehlt, und dass sie das Mittel sind, um dieses Volk zu erschaffen, ihm Präsenz zu verleihen. Gleichzeitig stellt sich Claire Fontaine in die Tradition der alten griechischen Philosophen, die „die Phänomene retten“ wollten: Wir versuchen, die Empfindsamkeit für die Wahrnehmung dessen zu schulen, was Duchamp als das „Infradünne“ und Perec als das „Infraordinäre“ bezeichnete. Wir glauben, dass man sich in Zeiten des Massenkonsums von Bildern und der Digitalisierung der Realität nur mit großer Demut als Formenschöpfer präsentieren kann. Unsere Werke leben im Innern der Betrachter:innen, die auf sie treffen, und die sichtbare und spürbare Dimension der Kunst im Allgemeinen (die heute so vielen anderen Dingen ähnelt) ist nur die Spitze des Eisbergs – was zählt ist, wie die Werke die Menschen verändern und ihnen ermöglichen, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Viele eurer Werke bedienen sich sehr direkter Formen, Neonröhren, Schriftzügen, Fundsachen und stiften damit Unruhe oder sorgen für kritische Unbequemlichkeit. Was interessiert euch an dieser Spannung zwischen visueller Unmittelbarkeit und politischer Komplexität?
Wir leben in der Zeit des Neurokapitalismus, in der wir kontinuierlich mit komplexen, aus Lauten, Bildern und Sprachen zusammengesetzten Zeichenäußerungen bombardiert werden, die dazu neigen, unser Verhalten mithilfe von Algorithmen zu beeinflussen. Unsere Gehirne haben daher Anpassungsstrategien entwickelt, um weiter zu funktionieren. Wir nehmen meist widerstandslos und ohne ihr große Beachtung zu schenken diese Fülle von Inhalten auf, die so konzipiert sind, dass sie uns überzeugen sollen, aber wenn Claire Fontaine in ihrer Form ähnliche Strategien verwendet, um Menschen anzusprechen, trifft sie auf diese in einem Zustand der Bereitschaft und zugleich des Befremdens. Wenn die Betrachter:innen verstehen, dass unsere Werke Einladungen zur Freiheit und keine Manipulationen sind, werden sie manchmal durch die ungewöhnliche Erfahrung auf Abwege geführt. Diese „Offenbarung“ kann es uns ermöglichen, die Welt und die Botschaften, die wir jeden Tag erhalten, mit anderen Augen zu sehen, und uns einen „unvorhergesehenen“ (um Carla Lonzi zu zitieren) Blickwinkel verschaffen – wie wenn in der Therapie ein Symptom im Hypnosezustand verlagert wird, sodass es sich getrennt von dem Stress offenbart, der es auslöst, und wir feststellen, dass wir es kontrollieren können und es uns nicht mehr kontrolliert.

An welchem Projekt oder welchen Projekten arbeitet ihr gerade?
Am 5. Juni 2026 haben wir in Zusammenarbeit mit Fosbury Architecture in der GAMeC in Bergamo die Ausstellung Tabula Plena eröffnet. Für diese haben wir fünf beispiellose Werke geschaffen, die über einer für das „Unlearning“ konzipierten Plattform hängen, auf der verschiedene Workshops stattfinden, an denen Besucher:innen teilnehmen können und die auf der Pädagogik der Hoffnung basieren. Wir arbeiten außerdem gerade an einer von Julia Bryan-Wilson kuratierten Retrospektive, die in den kommenden Monaten in der neuen feministischen WoW Foundation in Rom stattfinden wird (der genaue Termin muss noch bestätigt werden). Darüber hinaus werden wir im Dezember eine von Simone Ciglia kuratierte experimentelle Ausstellung in der Fondazione La Rocca in Pescara eröffnen. Es handelt sich um eine neue Auslegung und Rauminszenierung des gerade in italienischer Übersetzung erschienenen Buches A User’s Manual to Claire Fontaine von Anita Chari, bei der wir die Werke entsprechend den philosophischen, visuellen und konzeptuellen Verbindungen anordnen werden, die die Autorin in ihrem Essay vorgeschlagen hat. Eine Monographie über unsere von Lynn Kost kuratierte Ausstellung Sugar Free, die bis zum 14. Juni im Kunst Museum Winterthur zu sehen war, ist kürzlich bei Walther König erschienen. Wir arbeiten auch an einem Katalog mit dem Titel Show Less auf Grundlage unserer Ausstellung im Mimosa House in London, der im Herbst bei Mousse Publishing erscheinen wird.

Das Büro für Bildende Kunst hat im Laufe der Jahre mehrere eurer Projekte in Deutschland begleitet. Welche Ausstellung, Begegnung oder welches mit diesen Kooperationen verbundene Arbeitsumfeld hat euch rückblickend besonders geprägt?

Das war zweifellos House of Commons im Portikus zwischen Ende 2016 und Anfang 2017, kuratiert von Fabian Schöneich und Vivien Trommer und in Zusammenarbeit mit der Kadist Art Foundation. Wir erinnern uns sehr lebhaft an die Ausstellung, die aus einer von Paul Bauer entworfenen und von der Architektur des römischen Senats inspirierten Arena bestand, welche den Besucher:innen Sitzmöglichkeiten rund um die Werke bot und in der Vorträge und Gespräche stattfanden. Wir richteten dort auch eine Präsentation aus. Die Atmosphäre war unglaublich. Es ist für uns immer interessant zu sehen, wie unterschiedlich in der Gegenwart von Kunstwerken gedacht und geredet wird, und es hat stets einen Überraschungseffekt, wenn man innerhalb von Ausstellungen zusammenkommt, um zu diskutieren oder nachzudenken. Mit unseren Einzelausstellungen versuchen wir, das so oft wie möglich zu machen.

Eure Werke stehen häufig in einem sehr starken Dialog mit den Kontexten, in denen sie auftauchen – ob politisch, sprachlich oder institutionell. Hattet ihr den Eindruck, dass eure Arbeit in Deutschland anders rezipiert wurde als in anderen europäischen Kunstszenen?
Jeder Kontext ist besonders, ob in Deutschland oder anderswo, und er wandelt sich im Laufe der Zeit, aber Berlin beispielsweise ist eine Stadt, die sich in den letzten 20 Jahren bis zur totalen Unkenntlichkeit verändert hat, mehr als jede andere europäische Hauptstadt. Wir haben eine große Verbundenheit mit Deutschland und einigen Sammler:innen, die den Geist unserer künstlerischen Suche wirklich verstehen, wie etwa Mario von Kelterborn, der kürzlich in Venedig unter dem Titel Who is a Good Boy? eine hervorragende Ausstellung von Stücken aus seiner Sammlung, einschließlich einem unserer Werke, organisiert hat, sowie die Sammlung Haubrok, die unsere Werke im Rahmen ihrer denkwürdigen Ausstellung im Hamburger Bahnhof 2021 gezeigt hat. Nicht zuletzt fand die erste Einzelausstellung (und erste Ausstellung überhaupt) von Claire Fontaine 2005 in Berlin in der Galerie Meerrettich statt, die es inzwischen nicht mehr gibt. Es ist schade, dass die starken Einschränkungen der Meinungsfreiheit, die mit der bedingungslosen Unterstützung der deutschen Regierung für den Staat Israel verbunden sind, die Kulturwelt des Landes gespalten und seine Künstler:innengemeinschaft entzweit haben.

Eure Arbeit ist seit Langem weltweit im Umlauf, und dieser beruht auch auf Strukturen zur Förderung und Vermittlung. Was machen Einrichtungen wie das BAV eurer Meinung nach für Künstler:innen heute möglich?
Die Unterstützung des BAV und von ähnlichen Einrichtungen wie „Étant donné“ ist insbesondere – aber nicht nur – für junge Künstler:innen absolut lebensnotwendig. Museen, Kunstzentren und Biennalen erhalten immer weniger öffentliche Gelder, und so wird jegliche Unterstützung, die die Unabhängigkeit der Künstler:innen schützt, immer wichtiger.
Das Interview wurde im Juli 2026 von Julie Goy, einer deutsch-französischen Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin, geführt.
—> Link zur Internetseite von Claire Fontaine.