SEPTEMBER 2026, Teil #6 : Laure Prouvost
Die zeitgenössische französische Künstlerin, Laure Prouvost, wurde 1978 in Croix, Nordfrankreich, geboren. Sie studierte am Central Saint Martins College of Art and Design und am Goldsmiths College der University of London und entwickelte eine interdisziplinäre Kunstform, die Videos, Installationen, Skulpturen, Textilien, Performance-Kunst und Sprache miteinander verbindet. In ihren Werken beschäftigt sie sich mit der Beziehung zwischen Bildern, Geschichten, Erinnerungen und Übersetzung und verwischt dabei bewusst die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Sie ist bekannt für ihre immersiven Installationen und ihre poetische, absurd und sinnliche Welt. 2011 wurde sie mit dem Max Mara Art Prize for Women und 2013 als erste französische Künstlerin mit dem Turner Prize ausgezeichnet. 2019 vertrat sie Frankreich bei der Biennale in Venedig mit ihrem Projekt Deep See Blue Surrounding You. Laure Prouvost lebt und arbeitet in Brüssel und an verschiedenen anderen Orten des künstlerischen Schaffens.
In den letzten Jahren wurde Laure Prouvost in ihrem Schaffen vier Mal vom Büro für Bildende Kunst unterstützt: 2013 bei ihrer Ausstellung „His Master’s Voice: Von Stimme und Sprache“ im Hartware MedienKunstVerein Dortmund, anschließend zwei Mal im Rahmen des tinyBE (Frankfurt) und in den Ausstellungsräumen Les Vitrines des Institut français in Berlin sowie 2016 bei ihrer Einzelausstellung „All behind, we’ll go deeper, deep down and she will say:” im MuseumMMK für Moderne Kunst in Frankfurt.
Ihre Arbeit lädt das Publikum ein, in eine Geschichte einzutauchen. Woher rührt Ihrer Meinung nach dieser Wunsch, Werke zu schaffen, die man gleichzeitig körperlich, geistig und emotional erleben kann?
Ich komme vom Experimentalfilm. Am Saint Martins in London ging es in meinem Studium ausschließlich um diese Methode. Ich habe mich sehr früh schon gefragt, wie man aus diesem Medium ausbrechen kann, um mehr daraus zu machen. Kann sich ein Film schlecht anfühlen? Toxisch sein? Ich möchte, dass der Film über sich hinauswächst und mit seiner Umgebung kommuniziert.
Eine meiner ersten Installationen war ein Film mit den Titel Monolog, der das Kino zu einem Ort mit Installationen und Gesprächen machte. Der Film richtete sich direkt an das Publikum. Er sollte bei ihm Emotionen hervorrufen und es direkt mit einbeziehen. Wie als würde man eine Zitrone sehen, die man dann fast schmecken kann. Das Publikum wird somit Teil der Bilder, die es sieht.
Ich hatte zuvor in Belgien Zeichnen und Malerei studiert, aber ich drehte lange Zeit nur Filme und Videos. Nach und nach vermischten sich die Medien. Eine Idee war, sich auf den Stuhl der Großmutter zu setzen, die eine Geschichte erzählt und selbst zum Protagonisten der Geschichte zu werden, zum Teil des Werkes selbst.
Man betritt einen Raum, in dem ein Austausch entsteht. Ich glaube, das gilt für alle Kunstwerke, aber hier ist dieser Austausch direkter – als Person, als Klang, als Teilchen. Ich mag die Vorstellung, gleichzeitig an verschiedenen Orten zu sein, wie in der Quantenphysik. Eine Ausstellung zu konzipieren, die ihre eigenen Grenzen sprengt, die nur als Vorschlag im Raum existiert, aber anschließend in vielfältigen Formen weiterbesteht, sowohl in der Erinnerung als auch in der imaginären Welt.

© Laure Prouvost, Courtesy of the Artist, photo: Axel Schneide
Ihre Geschichten schaffen eine sehr starke Verbindung zwischen dem Persönlichen und dem Kosmischen, dem Leben und der Technologie. Diese komplexen Verbindungen bilden eine ganz eigene Sprache. Ist das eine Art, neue gemeinsame Geschichten zu erfinden oder kommen diese eher aus Ihrem Inneren?
Ich hoffe, kollektive Geschichten zu schaffen. Ich denke, dass wir ein starkes Bedürfnis nach Gemeinschaft haben. Wir sind ein „wir“, zutiefst verbunden mit der Welt.
Ich habe kürzlich mehrere Podcasts zu dieser Vorstellung von Zusammenarbeit gehört. Die Ausstellung im Grand Palais ist das Ergebnis eines großen Zusammenspiels von Klängen, Personen, Bildern, aber auch von Teilchen, der Wärme, dem Gebäude, dem Boden, dem Wind, der durch die großen Hintertüren weht. Es gibt diese Vorstellung von einem großen Ganzen, in dem der Menschen mit allem verbunden ist.
Der Film ist schon von Natur aus eine stark kollektive Arbeit. Es gibt einen Dialog zwischen den Medien, den Bewegungen und dem Sound. Selbst wenn ich male, werden meine Bilder Teil einer Geschichte. Jeder hat seine eigene Art zu zeichnen oder zu malen, aber diese individuellen Ausdrucksformen werden im Rahmen des Gesamtwerks zu einem Ganzen, zu einem „wir“. Es gibt auch eine Art Zusammenarbeit mit dem Pinselstrich selbst.
Ich habe kürzlich einen Podcast über die Sinne gehört. Bei der Anfertigung eines Porträts kommt es nicht auf die Ähnlichkeit an, sondern auf die Seele der porträtierten Person. Lässt sich diese Seele, dieses „wir“, über unsere Energien ausdrücken? Alles ist verbunden: die Quantenphysik, die Natur.

© Grégoire Edouard pour GrandPalaisRmn, 2026 © Adagp, Paris
Können Sie erzählen, wie Sie auf die Idee für Ihre Ausstellung “Nous, frissons d’étoiles” („Wir, das Schaudern der Sterne“) kamen, die im Sommer 2026 im Grand Palais gezeigt wird?
Der Auslöser war eine Einladung der LAS Art Foundation in Berlin, bei der es darum ging, mit Wissenschaftler:innen und Philosoph:innen das Thema Quanten-Computing zu erforschen. Am Anfang meiner Karriere habe ich als Assistentin des Künstlers John Latham gearbeitet, der sich bereits mit Quantenphysik und der Rolle des Künstlers angesichts dieses Themas beschäftigte.
Anschließend ließ ich mich von dem Konzept und den Ideen von Barbara Steveni und John Lantham inspirieren, die der APG (Artist Placement Group) angehörten, einer Organisation, die Künstler:innen in Regierungen und in der Industrie unterbringt. Ich fand die Vorstellung faszinierend, den/die Künstler/in in den Vordergrund der Gesellschaft zu stellen, es ihm/ihr zu ermöglichen, sie zu hinterfragen und zu provozieren. Ich hatte immer Lust, diesen Geist neu aufleben zu lassen.
Die Einladung der LAS hat sofort mein Interesse geweckt. Das Werk war fest in diese Überlegungen zur Quantenphysik verankert, mit dieser Vorstellung, einer Verknüpfung von Irdischem und Kosmischen/ der Erweiterung des Alltäglichen auf das Kosmische. Zwei Jahre führte ich spannende Gespräche mit Wissenschaftler:innen und Philosoph:innen. Wir haben viel über Sprache geredet: Wie lässt sich dieser Begriff der Quantenphysik formulieren, die zwar schon immer existiert hat, die wir uns in der westlichen Welt aber erst vor relativ kurzer Zeit zu eigen gemacht haben? Wie spricht man darüber?
Wir sind mit Newton’schen Denkmustern aufgewachsen, einer mechanischen Sichtweise der Welt. In der Schule bringt man uns bei, unsere Gedanken sehr strukturiert zu ordnen. Nur so funktioniert eine Gesellschaft. Dadurch haben wir aber auch verlernt, quantenhafter zu denken. Wir müssten unsere Denkweisen fast überdenken, d.h. lernen, zu verlernen, um von neuem zu lernen.
Diese Gespräche mit den Wissenschaftler:innen haben einen wichtigen Aspekt meiner Arbeit – Sprache – bereichert, der einen wesentlichen Teil meines Werkes ausmacht. Es ging darum, eine neue Art von Sprache über Quantenphysik zu erfinden, die Grenzen der Sprache zu überwinden.
*Laure Prouvost präsentierte 2025 in der LAS Berlin eine Ausstellung mit dem Titel “We felt a star dying”.

© 2025 Laure Prouvost. Foto: Andrea Rossetti
Gibt es unter den vom Büro für Bildende Kunst geförderten Projekten eines, das Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben ist?
Die Ausstellung im Rahmen von tinyBE war sehr unterhaltsam. Für das Projekt Boob Hills Burrows haben wir kleine bewohnbare Strukturen in einem Park entworfen. Das war schon eine besondere Erfahrung.
Auch die Ausstellung in Frankfurt war sehr wichtig. Ich habe mich dafür umfassend mit dem Thema Choreografie einer Ausstellung auseinandergesetzt. Die Filme wurden hintereinander gezeigt und schufen so eine Art Tanz, bei dem sich das Publikum gemeinsam durch die Ausstellung bewegt. Der Raum war vollständig nach außen hin offen: die Fenster blieben geöffnet, wodurch die Natur Teil der Ausstellung wurde, und die Filme harmonierten miteinander wie die Elemente der Natur.
Auf dem Boden befand sich außerdem Harz, was den Eindruck des Schwebens vermittelte, als würde man auf Wasser gehen. Mit der Installation Travel Agency (2016) wollte ich das Publikum mit auf eine Reise in unser Unterbewusstsein nehmen, auf der während der Schwebephase, der Zeit des Wartens, Tee gereicht wurde, der von der Großmutter zubereitet wurde.

© tinyBE #1, photo: Wolfgang Günzel
Sie haben mehrmals in Deutschland ausgestellt. Welche Beziehung haben Sie zur deutschen Kunstszene?
Der Anspruch in Deutschland ist sehr hoch. Alles muss immer noch weiter vorangetrieben werden als zuvor. Die Arbeit mit dem LAS-Team war außergewöhnlich. Wir haben zusammen daran gearbeitet, die bestmögliche Ausstellung umzusetzen. Die Energie war bemerkenswert.
Es wurde an alles gedacht, um das Werk langfristig am Leben zu halten: es begleiten, es lieben, es durch Symposien ernähren, sich um den Raum kümmern. Die Galerie Carlier | Gebauer in Berlin, in der meine Arbeit gezeigt wurde, hatte immer diesen Anspruch. Sie spricht wirklich tiefgreifend philosophisch von meiner Arbeit.
In Deutschland fand ich immer einen sehr genauen Bezug zur Arbeit. Und genau das braucht ein Kunstwerk, auch wenn es leicht anmutet. Hier hatte ich auch die Gelegenheit, mit wirklich inspirierenden Kurator:innen zusammenzuarbeiten.

© 2025 Laure Prouvost. Foto: Andrea Rossetti
In Ihrer Arbeit geht es viel um Abhängigkeitsbeziehungen und den Dialog. Welche Rolle kommt Ihrer Meinung nach einer öffentlichen Institution wie dem Büro für Bildende Kunst in einer Zeit zu, in der die Kunstschaffenden vor zahlreichen Herausforderungen stehen?
Da fällt mir die APG (Artist Placement Group) ein. Es bräuchte eine Unterstützung, die über die reine Förderung bei Ausstellungen hinausgeht. Warum nicht mehr Kunstschaffende in Regierungen und Institutionen einsetzen, damit sie an den Entscheidungen mitwirken?
Die Budgetfrage ist heutzutage ein generelles Problem, was Auswirkungen auf die Werke und die Produktion hat. Ich habe das Glück, unterstützt zu werden, und das weiß ich sehr zu schätzen. Ich weiß, dass viele Kunstschaffende nicht in diesen Genuss kommen. Zudem haben wir das Glück in einem Land zu leben, dass sich stark für die Kunst engagiert. Diese Unterstützung müssen wir aufrechterhalten, sie aber auch stärker teilen.
Es geht darum, gemeinsam Werke zu schaffen, die zum gemeinsamen Fühlen, Lernen und Nachdenken anregen. Auch die Schaffung von Dialogräumen, wie den heutigen hier, ist sehr wichtig. Die Frage ist, wie Kunstschaffende und Institutionen stärker zusammenarbeiten können. Und solche Treffen sind dafür sehr wichtig.
Es gibt einen riesigen Bedarf an Unterstützung, insbesondere von Künstlerinnen. Ich habe eine Ausstellung mit dem Titel Ohmmm age Oma-je ohomma mama (ein Wortspiel mit dem flämischen und deutschen Wort „Oma“ und dem französischen „je“ – der, wenn er laut ausgesprochen wird, eine Hommage an die Oma, die Omamamma, die Großmutter ist) konzipiert, die all die revolutionären Frauen würdigt, die uns als unsere Großmütter die Türen geöffnet haben. Ihnen habe ich es zu verdanken, dass ich heute Künstlerin sein darf und frei schaffen kann. Wir müssen auch an die künftigen Generationen denken; wir müssen ihnen die Türen offenhalten und die Rückkehr einer Form von Elitismus verhindern, der heute vor allem in England wieder aufflammt.
Gerade am Anfang der Karriere ist Unterstützung entscheidend, denn dies ist oft der schwierigste Abschnitt. Die projects spaces spielen ebenfalls eine grundlegende Rolle. Es wäre schon eine wunderbare Initiative, wenn das Institut français für low budget-Projekte einen Raum zur Verfügung stellen könnte.

© Carey Shaw
Das Büro für Bildende Kunst feiert sein 30-jähriges Bestehen. Was fällt Ihnen zu diesem Alter ein?
30 Jahre ist ein wichtiges Alter. Es ist der Zeitpunkt, an dem man sein Leben selbst in die Hand nehmen muss, man gelernt hat, was es zu lernen galt, und es Zeit ist, loszulegen – mit mehr Selbstvertrauen.
Es ist ein entscheidender Moment, denn man beginnt, genauere Vorstellungen zu haben und kann nun alles einbringen, was man bis dahin gelernt hat. Mit 20 ist alles noch verwirrend, man möchte alles ausprobieren. Mit 30 werden die Dinge klarer. Man kann präziser handeln, anders provozieren.
In meinem Berufsleben als Künstlerin erfuhr ich auch ab diesem Alter mehr Unterstützung. Das kam natürlich nicht plötzlich. In meinen 20er Jahren hatte ich zahlreiche Jobs, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen – eine Zeit, in der ich auch viele Erfahrungen sammelte. Ich hatte Zeit, mich selbst kennenzulernen und meine Arbeit tiefgreifender weiterzuentwickeln. Wenn man sehr jung ist, geht manchmal alles zu schnell.

© Harry Kampianne
Die deutsch-französische Kunsthistorikerin und -kritikerin, Julie Goy, führte dieses Gespräch im Juli 2026.