Seit 2017 produziert das Kollektiv „The Living and The Dead Ensemble“ Filme, Installationen, Performances und Texte, die darauf abzielen, neue Dialoge zwischen Europa und der Karibik zu schaffen. Insbesondere im Hinblick auf die Produktion seines zweiten Spielfilms hat das Kollektiv 2019 einen neuen Arbeitszyklus rund um die Form der Totenwache („The Wake“) begonnen, um sich eine mögliche Weltgemeinschaft vorzustellen, die Geschichten teilt und andere Zukünfte erfindet. „Les veillées“ ist ein Projekt, das von zwei langjährigen Partnern des Ensembles, Savvy Contemporary in Berlin und Radio R22 Tout-monde, getragen wird und in den Ateliers Médicis in Clichy-Montfermeil stattfindet. Jede der an diesen Orten geplanten künstlerischen Präsentationen (Videoinstallation, Performances) wird auch ein experimentelles und performatives Seminar beinhalten. Es wird in einer einzigen nächtlichen Wache verschiedene Sprechweisen miteinander vermischen, ohne sie zu hierarchisieren: Theorie, Poesie, Erzählung, Erfahrungsberichte, aber auch physische und Online-Präsenz. Diese Veranstaltungen werden durch Podcasts dokumentiert, die auf Radio R22 Tout-monde ausgestrahlt werden.
Die Nachtwache ist zugleich ein Ort der Solidarität, des Zuhörens, der Wissensvermittlung und der Bewahrung fragiler Archive. Wir stellen sie uns auch als einen transnationalen, traumhaften Raum vor, als eine kollektive und imaginäre Reise mit jenen, die in ihren Ländern eingesperrt sind, an den Toren der Festung West blockiert, aber dennoch nicht darauf verzichten, Bündnisse zu schmieden und ihren Stimmen Gehör zu verschaffen.
Die Gesundheitskrise hat die Arbeits-, Begegnungs- und Schaffensbedingungen des Ensembles, dessen Mitglieder über Frankreich, Deutschland und Haiti verstreut sind, nur noch weiter erschwert. Die Werke des Ensembles sind stets von ihren Entstehungsbedingungen geprägt, die sie zu einem Teil ihres Themas machen. Der Lockdown und die Gespräche über Bildschirme werden somit einen Teil der Ästhetik des kommenden Films „The Wake“ ausmachen, und die Produktionsformen werden insbesondere den Begriff des Archivs und der Erinnerung in einer Gesellschaft hinterfragen, die zugleich global und distanziert ist – einer Gesellschaft der Unmittelbarkeit, in der neue Formen der Mündlichkeit und des Vergessens entstehen, hervorgerufen durch die technologische Vermittlung.
The Living and the Dead Ensemble ist eine Gruppe von Künstlerinnen, Performern und Dichterinnen aus Haiti, Frankreich und dem Vereinigten Königreich, die ursprünglich 2017 in Port-au-Prince gegründet wurde, um eine Performance in Kreolisch nach dem Stück „Monsieur Toussaint“ von Edouard Glissant zu entwickeln. Aus dieser ersten Erfahrung entstand der Film OUVERTURES, der auf der Berlinale 2020 präsentiert wurde und die Rückkehr des Geistes des haitianischen Revolutionärs Toussaint Louverture ins heutige Port-au-Prince thematisiert. Die Arbeit des Ensembles (Texte, Performances, Filme, Installationen) erforscht verschiedene Methoden der Erzählung der Geschichte und des kulturellen Reichtums Haitis, der ersten unabhängigen schwarzen Republik Amerikas, die sich heute inmitten einer sozialen, politischen und ökologischen Krise befindet.
Programm
*8.04.2021: Festival VOST in den Ateliers Médicis, Clichy / Montfermeil (Frankreich)
18.05.2021: Künstlerische Veranstaltungen im Rahmen des Berlinale Forum Expanded im Savvy Contemporary, Berlin (Deutschland)