Gespräch - Sophie Calle im Hamburger Bahnhof

Gespräch - Sophie Calle im Hamburger Bahnhof

Termin

06.11.2020

Präsentation der Ausstellung:

2026 feiert das Büro für Bildende Kunst (BAV) des Institut français Deutschland sein 30-jähriges Bestehen: drei Jahrzehnte voller Projekte, Begegnungen, Wagnisse und Dialoge zwischen der deutschen und der französischen zeitgenössischen Kunstszene. Gleichzeitig begeht auch der Hamburger Bahnhof sein 30-jähriges Jubiläum. Diese beiden Geburtstage werden gemeinsam mit der Eröffnung der Ausstellung „Sophie Calle. Is It Better?“ gefeiert. Sophie Calle ist einer der ersten Künstlerinnen, die das BAV unterstützt hat.

Der Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart wird diese erste Einzelausstellung von Sophie Calle seit mehr als 20 Jahren vom 13.11.2026 bis zum 04.04.2027 präsentieren. Sechs Werkkomplexe, die in den vergangenen drei Jahrzehnten entstanden sind und Fotografie, Text sowie Installations und Videokunst verbinden, bieten einen Einblick in die Vielfalt der von der Künstlerin genutzten Medien. Sophie Calle widmet sich häufig den Themen Erinnerung, Verlust und Geschichte aus teils morbiden, aber oft auch spielerischen und humorvollen autobiografischen Blickwinkeln.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist die Serie „The Detachment“ (1996), die sich aus zwölf Fotografien von öffentlichen Orten in Berlin zusammensetzt, an denen Symbole der DDR nach der Wiedervereinigung entfernt wurden, verbunden mit Beschreibungen von Passant:innen. Die Installation „The Ghosts of Orsay“ (2022) zeichnet die Zeit nach, die Sophie Calle in Zimmer 501 des verlassenen Hotels im ehemaligen Gare d’Orsay verbracht hat, und wird erstmalig seit ihrem Entstehen gezeigt. Sie vereint gefundene Objekte, Fotografien und Texte.

Anlässlich der Ausstellung wird die Künstlerin ein Werk erschaffen, das sie dem Museum spenden wird, und ein Buch mit dem Titel „Erinnerungen an Ostberlin“ im Suhrkamp Verlag veröffentlichen. Außerdem wird Sophie Calle am 6. November um 17 Uhr an einem vom Büro für Bildende Kunst unterstützten Talk teilnehmen, um über die gezeigten Werke und ihre künstlerische Praxis zu sprechen. In dem Gespräch wird es um zentrale Themen ihres Werkes gehen, insbesondere Erinnerung, Intimität, Abwesenheit und Verlust, sowie um die Verbindung zwischen fotografischem Bild und Text, die ihre Arbeit seit Jahrzehnten prägt.

Sophie Calle gehört zu den Künstlerinnen, die das Büro für Bildende Kunst in den vergangenen 30 Jahren am häufigsten unterstützt hat.


Biografie:

Sophie Calle lebt und arbeitet in Malakoff (Frankreich) und betätigt sich künstlerisch in den Bereichen Bildende Kunst, Fotografie, Literatur und Filmschaffen. Sie ist eine der international bekanntesten französischen Künstlerinnen. Einem breiten Publikum präsentierte sie sich erstmals auf der Pariser Biennale 1980, zu der sie von Bernard Lamarche-Vadel eingeladen wurde. Ihrer künstlerischen Karriere gingen ein politisches und aktivistisches Engagement sowie eine siebenjährige Weltreise voraus. Nach ihrer Rückkehr nach Paris unternahm sie eigentümliche experimentelle Aktionen, durch die ihre künstlerische Praxis zunehmend geformt wurde und sich ihre Überlegungen zu den Beziehungen zwischen Kunst und Intimität herausbildeten. So folgte sie beispielsweise Passant:innen auf der Straße (einem von ihnen bis nach Venedig) und ließ Unbekannte in ihrem Bett schlafen.

Anschließend stellte sie ihre Arbeit in verschiedenen internationalen Einrichtungen aus, insbesondere im Centre Pompidou, im Musée d’Orsay, in der Tate Britain in London oder auch im Hara Museum in Tokio. 2007 vertrat sie Frankreich auf der Biennale di Venezia. Ihre Werke befinden sich inzwischen in bedeutenden Sammlungen, etwa im New Yorker MoMA, im Louisiana Museum in Dänemark und in der der Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin.

In ihrem Werk verfolgt Sophie Calle tiefgreifende Überlegungen zu den Beziehungen zwischen Intimität, dem Blick des Anderen und dem Erzählen. Ihre Praxis zeichnet sich durch eine große Vielfalt von Medien aus, mit Installationen, Performances, Fotografien, Texten und Videos. Ihre künstlerischen Recherchen nehmen bisweilen die Form regelrechter Ermittlungen, Reportagen oder Bestandsaufnahmen an und verwischen so die Grenzen zwischen Kunst, Realität und Erzählung. Darüber hinaus räumt Sophie Calles Werk dem Betrachter einen besonderen Stellenwert ein: Er ist Ermittler, Zeuge und manchmal sogar Voyeur zugleich. Er entdeckt ausgestellte Spuren, Erzählungen und Fragmente des Lebens und wird so eingeladen, in eine Intimsphäre einzudringen, die nicht seine eigene ist. Dadurch ergeben sich mehrere grundlegende Fragen: Welche Rolle soll der Betrachter spielen? Wo verläuft die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Raum? Und bis wohin darf sich der Blick in die Intimsphäre des Anderen richten?

Sophie Calles Arbeit besteht darin, in einer Mischung aus Fiktion und Autobiografie und ausgehend von erlebten und beobachteten Situationen, Erfahrungsberichten und zusammengetragenen Stimmen „Geschichten zu erzählen“. Die Situationen, die sie schafft, herbeiführt oder nachstellt, ermöglichen es ihr, eine gewisse Distanz gegenüber ihrer eigenen Existenz aufzubauen, und laden den Betrachter ein, über universellere Erfahrungen wie Mangel, Abwesenheit oder Tod nachzudenken, bei denen es sich um wiederkehrende Themen ihres Werkes handelt.