Interview mit Thomas Michelon, Direktor des Institut français in Deutschland

© Monique Ulrich

Interview mit Thomas Michelon, Direktor des Institut français in Deutschland

Thomas Michelon ist seit 2023 Direktor des Institut français in Deutschland. Zum Auftakt der Feierlichkeiten zum 30-jährigen Bestehen des Büros für Bildende Kunst blickte er auf seine Zeit als Leiter des Büros für Bildende Kunst von 1999 bis 2002 zurück, als das Büro noch in Köln ansässig war, sowie auf die Entwicklungen der französischen Kunstszene in Deutschland und die Herausforderungen, denen sich das Büro in einem immer dynamischer werdenden internationalen Kontext stellen musste und weiterhin stellen muss.

Sie waren zwischen 1999 und 2002 Leiter des Büros für Bildende Kunst (BAV, ehemals BDAP). Würden Sie uns etwas über diese Erfahrung erzählen?

Das war eine ziemlich magische und besondere Zeit, in der mehrere Faktoren gleichzeitig zusammenkamen. Zunächst einmal stieg die Metropole Berlin trotz der Übermacht von Kunststädten wie Köln und Düsseldorf in der Kunstszene auf. Berlin begann sich zu etablieren und zog unglaublich viele Akteur:innen, Fachleute und Künstler:innen an. Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, Künstler:innen zu beraten, die ein Artists in Residenz-Programm in Berlin suchten und/oder sich hier niederlassen wollten. Nach einer relativ experimentellen Phase etablierte sich Berlin als Kunststadt und es entstanden neue Orte, die einen bleibenden Eindruck hinterließen, wie Kunst-Werke Berlin [KW] und die Berlin Biennale. Damals gab es eine Messe für zeitgenössische Kunst, das art forum berlin, das großes Interesse bei internationalen Sammler:innen hervorrief, die zunehmend aus Westeuropa und sogar den USA kamen und Gefallen an der Metropole fanden. Das hat uns damals dazu veranlasst, die Arbeit des Büros für Bildende Kunst neu zu überdenken, um wirklich etwas zu bewirken. Gemeinsam mit Kunst-Werke Berlin rief ich ein Residence-Programm ins Leben. Uns standen ein Atelier und eine Wohnung für die Künstler:innen zur Verfügung. Zudem widmeten wir uns verstärkt der Kommunikationsarbeit und Kooperationen mit einigen Institutionen, wie der Neuen Nationalgalerie und vor allem dem Neuen Berliner Kunstverein, der nGbK und Kunst-Werke Berlin, mit denen wir gemeinsam Ausstellungen von französischen Künstler:innen organisierten. Ferner siedelten sich immer mehr Galerien aus Köln hier an, denen bewusst wurde, dass sich das Interesse immer mehr nach Berlin verlagerte. Wir haben eng mit dem Netzwerk der Berliner Galerien zusammengearbeitet, aber auch mit Galerien aus Frankfurt, Köln und Düsseldorf, denn die großen Zentren für zeitgenössische Kunst im Westen Deutschlands verfügten nach wie vor über wichtige Trümpfe: umfassende öffentliche und private Sammlungen, erhebliche öffentliche Finanzmittel, international anerkannte institutionelle Akteure. So galt es, ein Gleichgewicht zwischen den zahlreichen und besonders mächtigen Zentren innerhalb der deutschen Kunstszene zu wahren und ebenso mit den Institutionen in Düsseldorf, Münster, Karlsruhe, Bremen etc. zu arbeiten sowie die neu aufstrebenden Kunstszenen, die sich in den neuen Bundesländern, insbesondere in Leipzig und Dresden, etablierten, aufmerksam zu verfolgen. Angesichts einer künstlerischen Globalisierung, die zu einem fortwährenden Austausch über neue, besonders begeisternde ästhetische und intellektuelle Möglichkeiten führte, öffnete sich Deutschland schließlich, ebenso wie Frankreich, den künstlerischen Bewegungen weltweit.

Es etablierte sich eine neue Generation von Kurator:innen und Galerist:innen in der deutschen Kunstszene: Junge Menschen zwischen 25 und 35 Jahren, die damals nicht unbedingt enge Verbindungen zur institutionellen Welt hatten und heute wichtigen deutschen Institutionen vorsitzen. Es gab eine Vielzahl an freien Ausstellungsräumen bzw. Projekträumen, in denen sie sich ausprobieren konnten. Es war interessant zu sehen, wie diese Räume zu richtungsweisenden Orten wurden. Im Rahmen der Aktivitäten des Büros für Bildende Kunst galt es, mit allen großen Kunstvereinen und Kunsthallen zusammenzuarbeiten, aber unser Augenmerk richtete sich auch immer mehr auf diese Projekträume, sei es in Frankfurt, Hamburg, München oder in Köln. Wir haben die Zahl der gemeinsam organisierten Ausstellungen vervielfacht. Uns war klar: Wird ein/e französische/r Künstler/in hier entdeckt, öffnen sich für ihn/sie weitere Türen zu Institutionen in Deutschland, ja sogar in Europa und weltweit.

Eine wirklich wichtige Aufgabe des Büros für Bildende Kunst bestand darin, französischen Künstler:innen den Weg in richtungsweisende deutsche Galerien zu ebnen – natürlich in die, die für uns von Interesse waren – und die Zahl der Projekte zu erhöhen, in deren Rahmen Einzelausstellungen in Galerien, in freien Ausstellungsräumen und in Kunstzentren präsentiert wurden. Dadurch kamen wir in Kontakt mit den verschiedensten institutionellen, privaten und öffentlichen Partnern. Wir haben auch eng mit den Sammler:innen zusammengearbeitet und schufen so Verbindungen zwischen deutschen und französischen Sammler:innen. Durch deren Vermittlung entstanden oft neue Beziehungen zwischen den Kunstszenen unserer beiden Länder. Die Künstlergeneration, die sich damals in Deutschland herausbildete, war absolut fantastisch. Zu ihr zählten Künstler:innen wie Tobias Rehberger, Wolfgang Tillmans, Hito Steyerl, Thomas Demand, Cosima von Bonin, Florian Pumhösl (österreichisch), Franz Ackermann, Gregor Schneider und Katharina Grosse. Wir waren uns sofort sympathisch und haben zusammengearbeitet. Meine ersten Erinnerungen sind Kooperationen, die mit viel Spaß und Tatkraft sowie einem starken Willen zur Zusammenarbeit umgesetzt wurden und dazu führten, dass französische Kurator:innen nach Deutschland und deutsche Kurator:innen nach Frankreich eingeladen, zahlreiche Besuche von Künstlerateliers zur Bereicherung der verschiedenen Ausstellungen sowie Einzel- und Gruppenausstellungen in ganz Deutschland organisiert wurden.

Was mich zu dieser Zeit letztendlich auch sehr geprägt hat, waren die großen Veranstaltungen. Ich hatte das Glück, bei mehreren wichtigen Ereignissen dabei zu sein. Saskia Bos war damals die Kuratorin der Berlin Biennale und wir konnten in diesem Rahmen mehrere französische Künstler:innen präsentieren, darunter Anri Sala. Bei der documenta haben wir eng mit dem Leiter und den kuratorischen Berater:innen zusammengearbeitet und so gemeinsam mit dem Kulturministerium und Culture France (heute Institut français) die Präsenz französischer und frankophoner Künstler:innen ausgebaut. Wenn ich mich nicht irre, war es diese documenta, auf der die meisten französischen und frankophonen Künstler:innen in ihrer Geschichte präsentiert wurden. Dies war das Ergebnis eines intensiven und zielgerichteten Austauschs, der sich über drei Jahre erstreckte. Damals fand auch die Manifesta 4 in Frankfurt statt, und auch dort haben wir eng mit den Kurator:innen und Leiter:innen zusammengearbeitet. Es war von grundlegender Bedeutung, sich bei diesen wichtigen internationalen Veranstaltungen zu etablieren, denn ein französischer Künstler oder eine französische Künstlerin, der/die in diesem Rahmen präsentiert wurde, fand anschließend weltweit Beachtung.

Welche künstlerischen Projekte, die vom Büro für Bildende Kunst gefördert wurden, haben bei Ihnen einen besonderen Eindruck hinterlassen?

Da könnte ich viele Beispiel anführen. Ich hatte bereits die documenta erwähnt, die eine unglaubliche Erfahrung war. Ich war damals noch keine 30 Jahre alt und durfte an diesem Projekt mitarbeiten – das war Wahnsinn! Ich konnte Okwui Enwezor, nachdem er seine große Anzahl an französischen und frankophonen Künstler:innen ausgesucht hatte, davon überzeugen, seine weltweit erste Pressekonferenz in Paris zu geben, um das Konzept dieser documenta vorzustellen. Wir haben diese Pressekonferenz in Paris gemeinsam mit Suzanne Pagé und ihrem Team im Musée d'art moderne organisiert.

Ein Projekt, das mir besonders am Herzen lag, war die Annäherung zwischen den Direktoren des Palais de Tokyo [Paris], das damals gerade eröffnet wurde, und von Kunst-Werke Berlin. Wir haben in Berlin eine große gemeinsame Veranstaltung dieser beiden Institutionen organisiert, die äußerst enge Kontakte geknüpft haben. Es gab Performance-Kunst, Ausstellungen, Kolloquien und Vorträge. Es war eine sehr unterhaltsame Veranstaltung, aber es war auch eine Gelegenheit, Paris wieder in das deutsche Bewusstsein zu rücken. Für ein weiteres Projekt, das im Rahmen der „Generation 2001“ in Dortmund stattfand, haben wir mit zwei Kurator:innen, die heute den Württembergischen Kunstverein in Stuttgart leiten, Iris Dressler und Hans D. Christ, die Stadt komplett in Beschlag genommen. Wir haben etwa zehn französische Künstler:innen präsentiert, die die ganze Stadt, die Geschäfte, die Ausstellungsorte und den öffentlichen Raum in Besitz nahmen. Das übergeordnete Ziel war es, französische Künstler:innen im Rahmen führender deutscher Institutionen für zeitgenössische Kunst zu präsentieren und das Büro für Bildende Kunst in diesem lokalen Kulturkosmos zu verankern. Das hat wirklich ziemlich gut funktioniert.

Ein Projekt, das uns besonders stolz gemacht hat, war die erneute Präsentation der ersten Ausstellung von Pierre Huyghe, Dominique Gonzalez-Foerster und Philippe Parreno im Musée d'art moderne de la Ville de Paris im Kunstverein Hamburg. Dies war für die Etablierung dieses französischen Künstler:innen-Trios in Deutschland entscheidend. Pierre Huyghe kam beispielsweise im Anschluss in den Genuss eines Stipendiums und eines Förderprogramms des DAAD Berlin.

Es handelte sich dabei um eine systematische Unterstützung einer breit gefächerten Generation französischer Künstler:innen bei allen relevanten und notwendigen Fragen, damit diese in der deutschen Kunstlandschaft Fuß fassen konnten. Die Beteiligung privater Galerien, von Institutionen und alternativer Kunstorte war für den Beginn eines erfolgreichen Werdegangs von französischen Künstler:innen in Deutschland wesentlich.

Wie hat sich Ihrer Meinung nach die französische Kunstszene in Deutschland in den letzten 30 Jahren entwickelt?

Damals vollzog sich eine bedeutende Entwicklung: Viele französische Künstler:innen ließen sich in Deutschland nieder. Das war wichtig, damit die französische Kunstszene hier weiterbesteht. Ich denke dabei an Vorreiter wie Mathieu Mercier, Kader Attia und Saâdane Afif, der heute noch immer in Berlin lebt, oder auch an Anri Sala, der lange hier gelebt hat. Ich könnte noch ein Dutzend weitere Namen aufzählen, und seitdem sind viele andere ihrem Beispiel gefolgt. Es folgten weitere Entwicklungen, wie die Anerkennung von Paris als Kulturhauptstadt für zeitgenössische Kunst, die für alle in Deutschland spürbar war. Ich habe bereits das Palais de Tokyo erwähnt, doch inzwischen sind auch Stiftungen hinzugekommen, die Fondation Louis Vuitton, die Sammlung Pinault und nun die Art Basel Paris sowie die Ausstellungen von außergewöhnlicher Qualität im Centre Pompidou, im Musée d‘art moderne und im Netzwerk der Kunstzentren. Paris ist ein Aushängeschild für zeitgenössische Kunst in Europa und ich denke, dadurch wurde die Verbindung zwischen unseren beiden Ländern aufrechterhalten. Die größeren Provinzstädte, Bordeaux, Lyon und Marseille, aber auch Lille zeigten ebenfalls neue Ambitionen und deren bereits anerkannte Institutionen profitierten durch die nachfolgenden Generationen von einem neuen Schwung. Allerdings entwickelt sich die Welt heute immer mehr dahin, dass wir den Blick immer weiter in die Ferne richten. Für eine/n deutsche/n oder französische/n Kurator/in stellt die deutsch-französische Beziehung einen Ankerpunkt dar, aber sie besuchen auch Asien und Südamerika und verfolgen, was sich in Afrika tut. Der geistige Horizont hat sich tiefgreifend erweitert.

Für uns ist es sehr wichtig, den Dialog vor diesem neuen geistigen und intellektuellen Horizont der zeitgenössischen Kunst fortzusetzen und daran zu erinnern, dass das deutsch-französische Tandem entscheidend sein kann, vor allem bei der Entdeckung dieser – sowohl thematisch als auch künstlerisch – neuen Trends, und dass es oft von Vorteil ist, gemeinsam zu handeln, gerade weil jeder andere Teile der Welt erkundet und andere künstlerische Ansätze mit nach Europa bringt. Eine wichtige Herausforderung für die nächsten Jahre besteht darin, diesen Dialog weiter zu vertiefen – es ist ein bilateraler Dialog, der jedoch über unsere beiden Länder hinausgehen muss, um sich auch anderen Kunstszenen zuzuwenden.

Welche Rolle kommt dem BAV Ihrer Meinung nach bei diesen Entwicklungen zu und wie hat es diese Rolle in den letzten Jahren ausgefüllt?

Das Büro spielt eine wesentliche Rolle. Die Fachbüros der Botschaften haben im Allgemeinen eine grundlegende Rolle dabei gespielt, wie wir die französischen Kunstszenen im Ausland bekannt gemacht haben. Das habe ich in den USA erlebt, genauso wie hier in Deutschland, und allein die Tatsache, dass die Verantwortung für diese Büros Fachkräften übertragen wurde, ist ein entscheidendes Kriterium. Man muss die Sprache der Institutionsleitungen sprechen, mit denen man zusammenarbeiten möchte, und über ein berufliches Netzwerk verfügen, über das potentielle Künstler:innen, Kurator:innen, Denker:innen und Fachleute ermittelt und nach Deutschland geholt werden können. Diese Tätigkeit erfordert großes berufliches Können, und das ist ein besonderes Merkmal der Leiter:innen, die im Büro für Bildende Kunst nacheinander tätig waren.
Das Büro fungiert als Brückenbauer sowie als Berater für Institutionen und deutsche und französische Kurator:innen und muss bei seiner Arbeit stets proaktiv und dynamisch bleiben. Auch als Leiter einer Institution kann man nicht immer alles wissen und kennen. Allerdings kann man den/die Leiter/in des Büros für Bildende Kunst zu Rate ziehen und diese/r kann im Hinblick auf dieses oder jene Ausstellungsvorhaben, auf dieses oder jene Kolloquium die Möglichkeiten auf französischer Seite aufzeigen. Und ich denke, dies muss ein Gespräch unter Fachleuten sein, das auf Augenhöhe geführt wird. Diese Rolle des Büros für Bildende Kunst muss beständig gestärkt und im Sinne einer umfassenden Kulturdiplomatie weiterentwickelt werden, die auch zum politischen Dialog unserer Botschaft beiträgt. Es gibt keine Trennung zwischen dieser Aufgabe des BAV und der unserer Diplomatie im Allgemeinen. Es handelt sich um ein homogenes Ganzes, das als solches durchdacht werden muss. Das nennt man „Soft Power“, aber es ist auch eine enge Beziehung, die vertieft werden muss, um sicherzustellen, dass die ursprüngliche Aufgabe des Büros für Bildende Kunst von den neuen Generationen, die die Leitung der Kunstinstitutionen übernehmen, weitergeführt wird, d. h. dafür Sorge zu tragen, dass die französische zeitgenössische Kunst in Deutschland stärker präsent ist und die Voraussetzungen für eine neu gestaltete Zusammenarbeit geschaffen werden.