Fragment #4 : Tohé Commaret

© Thaddé Comar

Tohé Commaret, Vue exposition Prix Dorothea von Stetten Art 2026, Kunstmuseum Bonn, © Tohé Commaret

© David Ertl

Tohé Commaret, Vue exposition Prix Dorothea von Stetten Art 2026, Kunstmuseum Bonn, © Tohé Commaret

© David Ertl

Fragment #4 : Tohé Commaret

Termin

16.06.2026

Tohé Commaret ist eine Künstlerin und Filmemacherin, deren Filme, Fotografien und Installationen Geschichten erzählen, die sich an der Schnittstelle von Dokumentation und Fiktion bewegen. Ihre Werke sind in realen Orten verankert – städtischen Vierteln, Stadtrandgebieten oder Landschaften, die von gesellschaftlichen Veränderungen geprägt sind – und setzen sich mit individuellen Lebenswegen, kollektiven Erinnerungen und Formen von Marginalität auseinander. Inspiriert von Kino, Literatur und Populärkultur entwickelt sie eine einfühlsame Bildsprache, in der das Intime auf gegenwärtige politische und wirtschaftliche Realitäten trifft. Ihre Bilder, die oft von einer melancholischen und kontemplativen Atmosphäre durchdrungen sind, zeigen fragmentarische Geschichten, in denen sich die Figuren zwischen dem Wunsch nach Emanzipation, Einsamkeit und der Zugehörigkeit zu einem Ort bewegen. In ihren Erzählungen untersucht Commaret, wie Orte Identitäten und Vorstellungswelten prägen.

Im Jahr 2026 unterstützte das Büro für Bildende Kunst ihre Teilnahme sowie die der beiden weiteren Finalist:innen Pol Taburet und Sarah-Anaïs Desbenoit am Dorothea von Stetten-Kunstpreis 2026, der seit 1984 alle zwei Jahre im Kunstmuseum Bonn vergeben wird und sich seit 2014 an junge Künstler:innen aus den Nachbarländern Deutschlands richtet. Zur Stärkung der Sichtbarkeit der Künstler:innen geht der Preis mit einer Ausstellung im Kunstmuseum Bonn und der Veröffentlichung eines Katalogs einher.

Wie würdest du deine Bildwelt in drei Worten beschreiben?

Ich weiß nie so recht, wie ich meine Bildwelt in drei Worten zusammenfassen soll, ohne das Gefühl zu haben, sie damit einzufrieren. Vielleicht würde ich ein und dasselbe Wort dreimal wiederholen, wie eine Beschwörung: Übergang, Übergang, Übergang.

In deiner Arbeit spürt man eine Spannung zwischen sehr intimen Erzählformen und den übergeordneten sozialen oder politischen Strukturen, die sie durchziehen. Wie entwickelst du dieses Gleichgewicht zwischen Subjektivität und kritischem Blick, und was lässt sich deiner Meinung nach durch diese Hybridität offenbaren?

Ich glaube, ich arbeite vor allem ausgehend von einer körperlichen Intuition, einem Gefühl, das ich materiell umsetzen möchte. Für mich ist der Film eine Form von Poesie, eine Geschichte, die zunächst in der Abstraktion vermischter Emotionen Gestalt annimmt. Es ist eine absurde Collage an mentalen Bildern, die schließlich einen Satz bildet und dann ihren Sinn findet, indem sie sich in die Zeit des Films einfügt. Ich glaube, dass ich mich ständig frage, wie man Zeit außerhalb der Zeit erzeugen kann. Die eher politischen Fragen treten danach ganz natürlich hervor, weil sie bereits in der Architektur oder den Lebenswegen der Figuren vorhanden sind. Mich interessiert es, mehrere, manchmal widersprüchliche Interpretationsebenen nebeneinander bestehen zu lassen.

Ich denke, dass durch diese Hybridität eine rein soziologische Reduktion der Figuren verhindert und zugleich das Bewusstsein für die Strukturen bewahrt werden können, die sie durchziehen.

Welche Überlegungen hast du im Vorfeld dieser Ausstellung im Kunstmuseum Bonn angestellt?

Für die Ausstellung im Kunstmuseum Bonn habe ich viel darüber nachgedacht, wie die Werke den Raum durchdringen könnten, fast so, als würde jedes Werk ein wenig in das nächste überfließen. Außerdem wollte ich einen sehr reglementierten, sehr institutionellen Raum verwandeln und etwas Instabileres hineinbringen.

Der Gedanke dahinter war, dass Besucher:innen manchmal das Gefühl haben könnten, gerade etwas verpasst zu haben, oder einen Ort zu durchqueren, der auch dann weiterexistiert, wenn niemand ihn betrachtet. Die Filme stehen zudem in ständigem Dialog miteinander. Trotz unterschiedlicher Entstehungszeiträume existieren alle Figuren in ein und derselben mentalen Matrix, fast so, als handele es sich um eine Serie, die sich über verschiedene Raum-Zeit-Ebenen erstreckt. Jede Figur trägt noch die Spuren des vorherigen Films in sich, wie eine diffuse Erinnerung oder eine Form früheren Daseins. Sie scheinen sich von Werk zu Werk in anderen Zeitlichkeiten und anderen Existenzen zu begegnen. In dieser Ausstellung wurden all diese Erscheinungen endlich in einer gemeinsamen physischen Zeitlichkeit, in einem gemeinsamen Dasein vereint.

Du hast 2025 auf der Berlinale deinen Film „Because of (U)“ (2024) vorgestellt, für den du den PONTOPREIS MMK 2026 der Jürgen Ponto-Stiftung und des Museums für Moderne Kunst Frankfurt (MMK) erhalten hast. Nun bist du auch Preisträgerin des Dorothea von Stetten-Kunstpreises 2026 des Kunstmuseums Bonn. Welche Bedeutung hat es für dich, deine Werke heute in Deutschland zu zeigen?

Es ist für mich besonders bewegend, meine Filme heute in Deutschland zu zeigen, nicht zuletzt, weil ich mit einer bestimmten deutschen Film-, Philosophie- und Dichtungstradition aufgewachsen bin. Ich bewundere zum Beispiel Rainer Werner Fassbinder oder Hito Steyerl sehr, und ich hatte immer das Gefühl, dass viele Gedanken und künstlerische Formen, die mich geprägt haben, von dort stammen. Deutschland ist auch ein Land, in dem mehrdeutige Werke aufmerksam aufgenommen werden können. Die Preise haben natürlich konkret vieles verändert, aber was mich am meisten berührt, ist das Gefühl, dass meine Werke in diesem Umfeld ihren Platz finden können. Für mich ist das eine große Chance.