Fragment #5: Saodat Ismailova

Fragment #5: Saodat Ismailova

Saodat Ismailova ist eine Künstlerin und Filmemacherin, deren Filme und Installationen die Erzählungen, Mythen und spirituellen Traditionen Zentralasiens beleuchten. Mit ihrer poetischen Herangehensweise an den Dokumentarfilm knüpft sie Verbindungen zwischen Geschichte, Erinnerung und Überlieferung und stellt volkstümliches Wissen, Rituale und die Beziehungen zwischen den Menschen und ihrer Umwelt in den Mittelpunkt. Für ihre Arbeit lässt sie sich von Legenden, Archiven und mündlichen Berichten inspirieren, um Erzählungen hervorzubringen, in denen Wirklichkeit und Symbolik nahe beieinander liegen. Ihre von den Landschaften, Glaubensrichtungen und kulturellen Vermächtnissen ihrer Heimatregion durchdrungenen Werke laden zu einer Reflexion über die Formen der Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart ein. So schafft Saodat Ismailova immersive visuelle Erfahrungen, bei denen Fragen der Identität, des kollektiven Gedächtnisses und der Koexistenz mit der natürlichen Welt eine universelle Dimension annehmen.

Wie würdest du deine Bildwelt in drei Worten beschreiben?

Erinnerung, Verwandlung, Resonanz.

Deine Filme vermitteln den Eindruck, dass Vergangenheit, Mythen und Gegenwart koexistieren. Versuchst du so, eine Geschichte zu erzählen oder eher eine Erinnerung spürbar zu machen?

Ich versuche nicht so sehr, eine Geschichte zu erzählen, sondern vielmehr die Bedingungen für eine Begegnung zwischen verschiedenen Zeitschichten zu schaffen. Mythen, Erzählungen, Landschaften und Archive sind für mich keine Relikte der Vergangenheit – sie wirken in der Gegenwart fort. Ich interessiere mich dafür, wie Erinnerung die Körper, Orte und Vorstellungswelten durchdringt. Der Film ermöglicht es, diese Koexistenz der Zeitlichkeiten spürbar zu machen, wo das lineare Geschichtenerzählen manchmal an seine Grenzen stößt.

Welche Überlegungen hast du im Vorfeld dieser Ausstellung im Portikus angestellt?

Die Architektur des Portikus war entscheidend in meinen Überlegungen. Das Gebäude befindet sich auf einer Brücke zwischen den beiden Mainarmen, und diese Übergangsmöglichkeit, die das Wasser überspannt, hat mich sofort beeindruckt. Auch seine starke Vertikalität hat eine wesentliche Rolle gespielt. Beim Aufstieg im Raum habe ich eine Art von Schwindel verspürt, und dabei kam mir eine ganz einfache Frage in den Sinn: Was würde passieren, wenn es keine Schwerkraft mehr gäbe? Wir würden nicht mehr fallen.

Dieser Gedanke hat bei der Ausstellung mehrere Entscheidungen geleitet, insbesondere jene, die Leinwand an der Decke aufzuhängen, als könnte das Bild der Erdanziehung entfliehen. Doch die Schwerkraft äußert sich in erster Linie über das Wasser. Als ich über diese Beziehung zwischen Schwerkraft und Wasser nachgedacht habe, bin ich auf eine Recherchearbeit zurückgekommen, die mich seit mehr als 20 Jahren begleitet: der Aralsee. 2002 habe ich erstmals dort gefilmt, aber ich habe nie gefilmt, was heute noch von ihm übrig ist.

Portikus bot mir die Gelegenheit, zurück zu dieser Landschaft zu finden. Der in der Ausstellung gezeigte Film nimmt die Form eines Gesprächs zwischen zwei Fischen an, die in den letzten Überresten des Aralsees leben, der nach und nach zur Wüste Aralkum geworden ist. Im Laufe der Erzählung beginnen auch sie, sich zu verwandeln. Ohne es wirklich zu begreifen, werden sie zu Vögeln. Mit der Zeit entdecken sie, dass sie abwandern und diesen Ort hinter sich lassen können, der vor ihren Augen verschwindet. Der Film folgt dieser Verwandlung, diesem Übergang von einem Zustand in den anderen, zwischen Wasser und Luft, Verschwinden und Chance, Schwere und Abflug.

Heute ist deine Arbeit in Europa weithin bekannt, und du hast deine Werke schon mehrfach in Deutschland präsentiert. Welche Bedeutung hat es für dich, deine Arbeit jetzt erneut in Deutschland zu zeigen?

Diese Ausstellung hat eine besondere Bedeutung für mich. Im vergangenen Jahr war ich als Gastprofessorin an der Städelschule eingeladen, und das hat es mir ermöglicht, ein enges Verhältnis zu dieser Einrichtung und zu den Studierenden aufzubauen. Da Portikus eng mit der Städelschule verbunden ist, verlängert es diesen Dialog auf eine ganz besondere Weise, wenn ich dort vor diesem Hintergrund ein Werk präsentiere. Es geht nicht nur darum, eine Arbeit auszustellen, sondern auch um die Beteiligung an einem Raum der Reflexion, des Austauschs und der Weitergabe.

Das im Portikus präsentierte Werk wurde nach langen Gesprächen mit Juliane Bischoff eigens für diesen Ort entworfen. Von Beginn an haben wir über die Einzigartigkeit der Architektur des Gebäudes und seine Lage auf dem Fluss nachgedacht und überlegt, welche Formen des Denkens und der Vorstellung ein solcher Raum hervorrufen könnte. Aus diesem Dialog heraus entstand das Projekt.

Ganz allgemein halte ich es für unerlässlich, dass die europäischen Einrichtungen weiterhin Werke, Erzählungen und Empfindungen aus unterschiedlichen Kulturkreisen aufnehmen. Europa ist schon immer durch Austausch, Verbreitung und Begegnungen zusammengewachsen. Heute scheint es mir mehr denn je wichtig, diese Vielfalt zu bewahren und zu bereichern. Die Kunst kann dazu beitragen, Brücken zwischen den Kulturen zu schlagen, und Räume bieten, in denen die Diaspora und ihre verschiedensten Geschichten und Vertreibungserfahrungen einen Platz finden. Meine Werke in Deutschland auszustellen, ist für mich auch eine Form der Teilhabe an dem breiten Diskurs darüber, wie wir gemeinsam eine immer stärker vernetzte Welt bewohnen können.