Inner Mornings, or Forms of Counterculture
Inspiriert von dem außergewöhnlich mutigen Leben und Werk der surrealistischen Fotografin und Autorin Claude Cahun (1894–1954) erkundet die Ausstellung INNER MORNINGS, OR FORMS OF COUNTERCULTURE, wie sich entlang der Entwicklung zeitgenössischer Kunst auch eine Geschichte der Counterculture erzählen lässt. Im Zusammenspiel dreier bedeutender Sammlungen – denen des FRAC des Pays de la Loire und des Musée d’arts de Nantes sowie der Sammlung Falckenberg – entsteht ein facettenreiches Bild von Kunst als Praxis des Widerstands, als Möglichkeit, gesellschaftliche Realitäten zu hinterfragen und neue Perspektiven zu eröffnen. Titelgebend für die Ausstellung ist das Gedicht »The Inward Morning« des amerikanischen Schriftstellers und Philosophen Henry David Thoreau (1817–1862), eines Vordenkers des zivilen Ungehorsams, dessen Ideen die amerikanische Counterculture-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre stark beeinflusst haben. Erweitert wird dies um eine kritische, gesellschaftliche Machtstrukturen hinterfragende französische Denklinie um Michel Foucault und Félix Guattari. Im Anschluss an diese Überlegungen wird der Begriff der Counterculture im Kontext der Ausstellung als aktiv, diskursiv und transformativ verstanden.
Zu sehen sind rund 170 überwiegend fotografische, aber auch Video- sowie installative Arbeiten von mehr als 80 Künstler*innen, angefangen von Halil Altındere, Maja Bajević und John Baldessari bis hin zu Sophie Riestelhueber, Martha Rosler und Wolfgang Tillmans. Präsentiert werden die Werke in vier thematischen Kapiteln, die künstlerische Strategien der Counterculture beschreiben.
Die Notwendigkeit vielfältiger Perspektiven und Stimmen
Hier werden Positionen präsentiert, die einseitige Geschichtsschreibungen hinterfragen – sei es durch eine pluralistische Sichtweise, die verschiedene Lesarten zulässt, wie in den Fotomontagen von Martha Rosler, oder durch die Darstellung von Gegenperspektiven, wie in den Videos von Anri Sala oder den fotografischen Bearbeitungen von Sophie Riestelhueber.
Sehen, zeigen, umdeuten, anprangern
Ein anderer Weg besteht darin, eine Sache, eine Person oder eine Situation so darzustellen, dass sich in dieser Darstellung selbst die Kritik artikuliert. Auf diese Weise arbeiten zahlreiche Künstler*innen, darunter etwa Lewis Baltz, der durch die sachliche Abbildung baulicher Gegenwarten oder Archivalien Kritik an diesen übt. Hans-Peter Feldmann nutzt das Prinzip der Anhäufung, um die Mechanisierung und Verdinglichung des Menschen sichtbar zu machen, während etwa Robin Collyer in seinen verfremdeten fotografischen Arbeiten, in denen er alle textlichen Elemente aus dem öffentlichen Raum entfernt hat, einen erstarrten, normierten Zustand darstellt.
Die Geschichte neu schreiben
Viele Künstlerinnen entwerfen auch eine alternative Form von Geschichte – eine Erzählung, die sich neben die dominante Version legt, sich politischen Festlegungen entzieht und auf verdeckte Erinnerungen konzentriert. So bedienen sich Künstlerinnen wie Walid Raad oder Jeremy Deller der Fiktion, um die Lücken eines fragmentierten kollektiven Gedächtnisses zu füllen. Wieder anderen wie Dennis Hopper oder Andrea Stappert ist es gelungen, in ihren Künstler*innen-Porträts eine sonst im Schatten verbliebene Erinnerung festzuhalten und dabei Bilder von ikonischer Qualität zu schaffen.
Das Absurde als Waffe: Schockieren, aufrütteln, stören und Grenzen verschieben
Eine andere künstlerische Strategie besteht darin, Werke zu gestalten, die den Blick stören, um so das Unerträgliche, Inkohärente oder Sinnentleerte gesellschaftlicher Realitäten zu entlarven. Einige entscheiden sich für Provokation, wie Valie Export oder Paul McCarthy, während für andere das Absurde zu einer Form an sich wird, wie bei Olaf Breuning. Alle diese Werke sind als Aktionen gedacht, die eine Revolution in Gang setzen sollen.
Einen zentralen Bezugspunkt innerhalb der Ausstellung bildet das Leben und Werk Claude Cahuns. Ihre Kunst – von Anfang anzugleich poetisch und politisch, spielerisch und subversiv – setzte sie ab 1940 ganz direkt für den antifaschistischen Widerstand ein. Mit ihrer Lebens- und künstlerischen Partnerin Marcel Moore war sie 1937 vor den Nationalsozialisten nach Jersey geflohen. Als die Kanalinsel ebenfalls von der deutschen Wehrmacht besetzt wurde, begannen die beiden, als »Soldat ohne Namen« Widerstandsaktionen zu entwickeln. 1944 wurden sie verhaftet und zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde nicht vollstreckt, Claude Cahun starb allerdings 1954 an den Folgen der Gefangenschaft.
