Die Kuratorin Lila Torquéo eröffnet die Reihe Les Vitrines 2026 mit einer Einzelausstellung der Künstlerin Fabienne Audéoud. Fabienne Audéoud ist eine in Paris lebende Künstlerin, deren Arbeiten in den Bereichen Bildhauerei, Malerei und Performance durch ihre musikalische Praxis beeinflusst sind. Fabienne Audéouds „Pulloverladen“ (Le Magasin de Pulls) hat im Laufe seiner Präsentationen mehrere Schauplätze, Stimmungen und Zustände erlebt. Die neue Pulloverkollektion, die dieses Werk erweitert, präsentiert sich diesmal in der Farbe der französischen Garde nationale, Marineblau. Fabienne Audéoud interpretiert und variiert die textile Bedeutung dieser trivialen Farbe, die in der Prêt-à-porter-Mode vollkommen symptomatisch und scheinbar beiläufig aus dem monarchistischen und militärischen Unterbewusstsein auftaucht.
Die Uniform bedeckt nicht nur Körper, sie vermittelt auch eine Botschaft. Marineblau ist das Vermächtnis eines königlichen Symbols, das aus einem kostbaren, nur durch den Sklavenhandel beschaffbaren Pigment gewonnen wurde und später in die Ideologie des Bürgertums einging. In all seinen Nuancen – Königsblau, Preußischblau, Meeresblau, Republikblau, Business-Blau – durchzieht Marineblau unsere soziale Landschaft. Wir begegnen ihm im Alltag in den Uniformen der Polizeibeamten und in den hohen Kreisen in den dreiteiligen Anzügen. Seine vermeintliche Neutralität erweist sich als Täuschung, hinter der sich ein Rückzug in Identität, sozialen Glattschliff und republikanische Ordnung verbirgt. Es ist eine Rüstung, die die Schwächen verdecken und Stärke verleihen soll. Es soll Ehrfurcht einflößen, indem es dem Körper eine respektable und männliche Statur verleiht. Denn ja, im Französischen gilt das Männliche als das Neutrale und definiert damit auch die Normen des Uniformen.
In den Kleidungsvorschriften des Ancien Régime gab es ästhetische Übereinstimmungen zwischen weiblicher und männlicher Mode. Sich das Gesicht zu pudern, Strümpfe und Absatzschuhe oder Stoffe mit extravaganten Mustern zu tragen, gehörte zu den gängigen Sitten der Aristokraten. Diese Gepflogenheiten wurden im Zuge der Französischen Revolution verboten, was die geschlechtsspezifische Aufteilung der Mode neu gestaltete und festigte. Kniebundhosen und Leibröcke wichen dem dreiteiligen Anzug, dessen Silhouette aufgrund seines demokratischen und bequemen Schnitts Tugendhaftigkeit und soziale Gleichheit verspricht. Dieses modernistische Streben nach universellen, schlichten und erkennbaren Formen erzeugte eine Ästhetik des Klonens, die Agent-Smith-Verschnitte am laufenden Band hervorbrachte. Mit der zunehmenden Bürokratisierung und Militarisierung der Gesellschaft wurde die Männerkleidung einfacher und dunkler. Das Aussehen war nicht mehr mondän, sondern taktisch.
Die marineblauen Pullover von Fabienne Audéoud haben weder die Kraft noch den Wunsch, dieses Programm zu unterstützen. Während das Englische „pull over“ dazu auffordert, sich an den Rand zu stellen, träumen die Pullover von Audéoud von Fehlern in der ordentlichen Grammatik der Uniform. Sie plädieren auf bewusst dramatische Weise für Schwäche und Regression.
Einige Pullover sind Secondhand und tragen noch die Spuren der Körper, die sie getragen haben, in Form von Flecken, Löchern oder Verformungen. Die anderen Pullover wurden aus derselben Vorlage genäht, einer Rolle Stoff in Strickoptik. Die Unbeholfenheit der „bad couture“ durchbricht diese formale, fast mönchische Askese. Diese Pullover sind weder normiert noch normal und beziehen ihre Verzierungen aus ihren Missbildungen. Ihre unverhältnismäßigen Ärmel, ungleichen Schultern und klaffenden Kragen bringen eine billige Barockhaftigkeit zum Vorschein.
In dieser Garderobe erkennt man die Logik des Dandys, der mit einer Eleganz, die auf Nichtigkeiten beruht, seine Individualität im Zeitalter der Massen behauptet. Diese literarische, mondäne und historisch männliche Figur glänzt durch die Konstanz ihrer Variationen und fügt sich in eine beruhigende Anonymität ein. Sie durchstreift die Pariser Boulevards in ihren Gewändern der Fiktion, geschützt durch eine Freiheit des Aussehens, die Frauen nicht genießen. Aus dem gleichen Stoff geschnitten und doch immer anders, knüpft ihr Aussehen an die verschwundene Ästhetik der Dekadenz an. Die Uniformierung ist eine Praxis der Einsperrung, während der Dandy einer Logik der Veräußerlichung folgt. Auch wenn es nicht ausgeschlossen ist, dass der Dandy von gestern zum „serial shopper“ von heute geworden ist.
„Der Laden mit den blauen Pullovern“ erstreckt sich in einer Art weichem Fries, einer schwankenden Wellenlinie, einer Sequenz, die durch die hartnäckige Wiederholung desselben Stoffes rhythmisiert wird. Audéoud komponiert hier eine Textilsprache, die der Brandung der Stadt trotzt und dabei ins Stottern gerät. Zwischen der dicken Wolle und der dichten Handlung eines Romans oder zwischen dem erschlafften Strick und den Versen eines Gedichts vollzieht sich eine Synästhesie. Zwischen Kleidung und Schreibkunst verweben sich Geschichten der Vertrautheit. „So wie ein Dandy den Revers seines Jacketts streichelt, streichle ich mein Buch“, schreibt Lisa Robertson in „The Baudelaire Fractal“ (2023). Das Kleidungsstück verschmilzt dann mit dem literarischen Objekt; sein Gewebe wird zur Syntax, seine Löcher zur Interpunktion.
Geh schlendernd ich allein, die Reime auszuhecken
Und spiegelfechtend sie zu locken aus den Ecken,
Oft stolpernd übers Wort, als wäre es ein Stein,
Begegnend Versen auch aus alten Träumerein.1
Zum Abschluss der Ausstellung wird Fabienne Audéoud eine Performance im Konzertsaal des Maison de France präsentieren.
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Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen, 1857. Deutsche Nachdichtung von Paul Zech, Ergon Verlag, 2018. ↩