THAT SHE EXISTS AND MOVES IN THE CITY
IS AN AFFRONT TO THE WILL OF CAPITAL.
COUNTLESS CLINICS ARE DEDICATED TO
PREVENTING HER APPEARANCE.1
Lisa Robertson, Proverbs of a She-Dandy, 2018.
Die Reihe 2026 der Vitrines des Institut français Deutschland wird von der Kuratorin Lila Torquéo kuratiert. Live to Dress vereint zwei Einzelausstellungen von Fabienne Audéoud und Angharad Williams, die sich mit anonymen Figuren, die die Stadt durchstreifen, und den Ausdrucksformen, die sie verkörpern, beschäftigen.
Die Urbanisierung und Verdichtung der modernen Stadt, die Körper einander näherbringt und gleichzeitig Menschen trennt, schürt Panik. In der Promiskuität der anonymen Menge eröffnet schon die geringste Berührung erotische und aufrührerische Dimensionen. Angesichts der Angst vor einem Übergreifen werden Programme zur Standardisierung organisiert. In dieser urbanen Landschaft erweisen sich Körper in den Wechseljahren als Störung der reproduktiven Ordnung – ebenso wie kinderlose Frauen, Witwen oder Prostituierte – und taucht die Figur des Flaneurs auf, der zwischen den Schichten der Stadt umherwandert.
Der Flaneur und die alte Frau haben weit mehr gemeinsam als nur einen unregelmäßigen Rhythmus. Sie verkörpern eine unproduktive Figur, die die kanadische Dichterin und Essayistin Lisa Robertson in Anlehnung an Charles Baudelaire mit der des Dandys in Verbindung bringt. In ihrem Essay Proverbs of a She-Dandy (2018) verleiht Robertson dieser historisch männlichen Figur durch die Erfahrung der Menopause eine weibliche Subjektivität. Was zu einem Stigma hätte werden können, verwandelt sich für sie in eine Metamorphose. Durch diesen neuen, diffusen und polyzentrischen Körper entdeckt sie eine neuartige Identität, die eines ‚Dandy in the making‘. Robertson zufolge fielen 1821 das erste Auftauchen des Wortes „Menopause“ in medizinischen Schriften in Paris, die Aufnahme des Wortes Dandy in die französische Sprache und die Geburt Baudelaires zusammen, der die Figur des Dandys zu einem ethischen und literarischen Prinzip, zu einer Wissenschaft und zu einer „Institution außerhalb der Gesetze”2 erhob.
In der Stadt zu leben bedeutet, sich mit ihren unterschiedlichen Rhythmen, Schichten, wirtschaftlichen Realitäten und ihrer Gewalt auseinanderzusetzen. Die Ausstellungen von Fabienne Audéoud und Angharad Williams wollen sich einen Platz in diesem Umfeld schaffen. In ihrer Installation, die wie eine Boutique konzipiert ist und aus geschlechtsneutralen, zugleich schlichten und barocken, republikblaugefärbten Pullovern besteht, bricht Audéoud mit männlichen und urbanen Archetypen. Auch die Ausstellung von Angharad Williams entfaltet sich in der kinetischen Bewegung der Stadt, in der Kleidung, Gang und Schrift wie miteinander verbundene Wahrnehmungsorgane miteinander in Resonanz stehen.
Die Figur des Dandys interessiert uns umso mehr, als sie, ähnlich wie die Werke von Audéoud und Williams, von der Wechselseitigkeit von Körper und Schrift, von Gehen und Schreiben zeugt. Von den Schaufenstern aus stellt man sich gerne vor, wie diese Figur der Negativität, verliebt, aber einsam und asketisch, zwischen der sozialen Stadt und der literarischen Stadt flaniert. In der Abenddämmerung durchstreift sie diese mondäne Bühne in ihren Gewändern der Fiktion, die sie schüttelt, zuknöpft und aufknöpft, und öffnet uns mit jeder dieser Gesten/Worte Tore zu parallelen, sprachlichen und sinnlichen Hauptstädten.
Les Vitrines ist ein Ausstellungsraum, der 2021 vom Institut français Berlin und dem Büro für Bildende Kunst des Institut français Deutschland initiiert wurde. Der fast 25 Meter lange, verglaste Raum befindet sich im Maison de France und im Herzen des Kurfürstendamms, einer der meistbesuchten Einkaufsstraßen Berlins. Ziel ist es, die aufstrebende Szene der zeitgenössischen Kunst zu präsentieren und den künstlerischen Austausch zwischen Kuratorinnen, Künstlerinnen und dem Berliner Publikum zu fördern.
Fabienne Audéoud - Der Laden mit den blauen Pullovern
13. Februar 2026 – 11. Juni 2026